Carla Noever Castelos ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Fachgruppe Politikwissenschaft der Universität Kassel. Von 2021-2023 war sie Promotionsstipendiatin der Rosa Luxemburg Stiftung. Carla hat Internationale Beziehungen, Politikwissenschaft und Germanistik in Berlin, Münster und Aix-en-Provence studiert. Während des Studiums war sie Teil der Nachwuchsforschungsgruppe „Global Change – Local Conflicts“. Sie forscht zu lokalen Rohstoff- und Landkonflikten vor dem Hintergrund globaler Transformationsprozesse. Weitere Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind Ansätze kritischer Transformationsforschung, (gramscianische und feministische) Politische Ökologie, internationale Klimapolitik, soziale Bewegungen und Umweltgerechtigkeit. Ihr regionaler Forschungsschwerpunkt liegt in Südwesteuropa. Zwischen Studium und Promotion arbeitete Carla Noever Castelos mehrere Jahre als Bildungsreferentin zu Klimagerechtigkeit, Suffizienzpolitik und sozial-ökologische Transformation. Sie ist aktiv im ILA-Kollektiv, das solidarische Alternativen zur imperialen Lebensweise stärken will, und in Berlin feministisch organisiert.
Kontakt: carla.noever[at]uni-kassel.de
Ausgewählte Publikationen
(2025): Wissenschaft im Wandel? Kritische Reflexionen und Leitfragen transformativen Forschens. In: Graduiertenkolleg „Krise und sozial-ökologische Transformation“ (Hrsg.): Kämpfe um Transformation. Kritische Analysen und Interventionen zur sozial-ökologischen Krise, 241-259. https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7617-4/kaempfe-um-transformation/?number=978-3-8394-7617-8 (mit Wiese, Friedemann)
(2025): Wie kommt das Neue in die Welt? Zur Präfiguration einer post-extraktivistischen Zukunft. In: PROKLA, 219, 255-273, https://doi.org/10.32387/prokla.v55i219.2185
(2023): Mining out of the crisis? The role of the state in the expansion of the lithium frontier in Extremadura, Spain. In: The Extractive Industries and Society, 15, 101329, https://doi.org/10.1016/j.exis.2023.101329
Abstract
Grüner Extraktivismus und Transformation von unten: Lithiumproteste in der europäischen Peripherie am Beispiel Extremadura
Der europäische Green Deal gilt als zentrale Transformationsstrategie der EU, mit der die europäische Wirtschaft nachhaltig umgestaltet werden soll. Dabei setzen ökologisch-modernisierende Transformationsprojekte dieser Art einen wachsenden Bedarf an Ressourcen für sogenannte Zukunftstechnologien voraus. Während dieser bislang vor allem durch Importe aus dem Globalen Süden gedeckt wird, geraten zunehmend auch Vorkommen in peripheren Räumen Europas in den Fokus von Politik und Wirtschaft. Damit entstehen neue Formen von sogenanntem Grünen Extraktivismus und neue Green Sacrifice Zones innerhalb Europas. Dies stößt häufig auf den Widerstand lokaler Bevölkerungen, so beispielsweise in Extremadura im Westen Spaniens.
Aus Perspektive kritischer Transformationsforschung stellt sich die Frage, wie sich diese Proteste in der europäischen Peripherie zu Transformationsprozessen verhalten: Inwiefern stehen Proteste gegen Rohstoffabbau für ‚grüne‘ Technologien Transformationsprozessen allgemein im Weg? Handelt es sich um Not-in-my-Backyard-Proteste, die eine imperiale Lebensweise verteidigen und die Kosten und Schäden weiterhin auslagern möchte? Oder eröffnen die Protestakteure in Opposition zum wachstums- und technologiezentrierten Green Deal emanzipatorische Alternativen für eine Transformation von unten?
Das Promotionsvorhaben zielt auf die Untersuchung möglicher Transformationsprozesse von unten. Ihm liegt die Annahme zugrunde, dass ländliche Protestakteure, hier speziell Anti-Bergbau-Proteste, per se weder reaktionär noch emanzipatorisch und transformativ sind. Vielmehr hängt ihr transformatives Potenzial davon ab, inwiefern Protestakteure hegemoniale Narrative und Strategien des Wandels hinterfragen, eigene Gegenentwürfe entwickeln und neue soziale Praktiken hervorbringen. Welche Faktoren dies bedingen, bedarf weiterer Forschung. Im Fokus der empirischen Untersuchung stehen deshalb Proteste gegen Lithiumbergbauprojekte in Extremadura. Durch eine qualitative multi-sited Fallstudie soll untersucht werden, inwiefern und unter welchen Bedingungen Protestakteure transformative Perspektiven entfalten.
Theoretisch-analytisch wird das Vorhaben durch eine Verknüpfung gramscianischer Ansätze in der Politischen Ökologie mit Arbeiten aus der Umweltgerechtigkeitsforschung und feministischen Perspektiven auf Sorge und gesellschaftliche Naturverhältnisse fundiert. Ziel ist es, empirische Erkenntnisse über die Rolle lokaler Protestakteure in Transformationsprozessen zu gewinnen und weiterhin das theoretisch-analytische Instrumentarium zur Erforschung von Transformation von unten im Kontext von Land- und Rohstoffkonflikten weiterzuentwickeln.